Tagebuch · 2026-09-12
Gun Dreams: In Blau kehren die Erinnerungen zurück

Ich dachte, von meiner Jugend seien vor allem Erinnerungen und ein paar Dinge im Kleiderschrank geblieben. Zum Beispiel das Front-242-T-Shirt, das ich von einer schulischen Studienreise nach England mitgebracht und nun, Jahre später, im Ostravaer Barrák wieder hervorgeholt habe. Gun Dreams kenne ich seit der Grundschule, aber live hörte ich sie zum ersten Mal. Als Sing Pity erklang, waren plötzlich all diese Jahre wieder da. Die Kassette vom Cousin, die ersten Computer, die Suche nach einer eigenen Welt. Und mir wurde klar, wie nah ich dem Menschen noch immer bin, der ich damals war.
In der vierten Klasse hörte ich Arakain und Tublatanka; über Tublatanka schrieb ich sogar ein Referat für die Schule. Dann kam mein Cousin mit ein paar Kassetten, und mein musikalisches Repertoire veränderte sich. Auf einmal waren da Depeche Mode und EBM, allen voran Nitzer Ebb, Front Line Assembly und Skinny Puppy, aber auch Gun Dreams, Vanessa und die slowakische Band The Dark.
Die Musik traf auf etwas, womit ich mich schon seit der Grundschule beschäftigte: Computer und Programmieren, mein Interesse an Technologien und an der Gesellschaft, die sie prägen. Synthetische Klänge hatten in dieser Welt ihren ganz selbstverständlichen Platz.
Den Club Barrák kenne ich auch von der Bühne aus. Vor Kurzem haben wir hier mit Downbelow zusammen mit Helmutova stříkačka gespielt. Diesmal stand ich auf der anderen Seite. Über Köpfe und Schultern hinweg konnte ich die drei Musiker und ihre Instrumente sehen. Eine merkwürdige Begegnung nach mehr als dreißig Jahren.
Während des gesamten Konzerts leuchtete nur blaues Licht. Eine einzige Farbe, in der Silhouetten und Bewegungen einander ablösten. Sing Pity war eines der wenigen Stücke, die für mich fast genauso klangen wie auf der Platte. Mein Lieblingsstück vom Debüt Ho Scelto! hatte seine vertraute Gestalt bewahrt. Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig darin passiert. Monotone Wiederholungen, der Gesang setzt erst ganz am Ende ein — und genau das funktioniert.
Vor allem das Material von Totem wirkte auf mich jedoch ausgereifter als auf den ursprünglichen Aufnahmen. Nicht unbedingt anders, eher so, als wäre es in diesen dreißig Jahren erwachsen geworden. Die einzelnen Schichten waren miteinander verbunden. Elektronik, Gitarre, Rhythmus und Stimme bildeten ein Ganzes.
Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, was alle drei Mitglieder außerhalb von Gun Dreams machen. Mit all den Projekten und Erfahrungen, die unweigerlich in das alte Material einfließen. Papež hatte schon bei der Wiedervereinigung der Band davon gesprochen, die Stücke der ersten beiden Alben neu zu arrangieren. Im Barrák war diese Arbeit für mich hörbar.
Veränderung gehört eigentlich von Anfang an zur Geschichte von Gun Dreams. Miroslav „Pope“ Papež und Lubor „Lax“ Benda gründeten die Band 1988 in Pardubice. Beide arbeiteten damals bei Synthesia und verwendeten laut der in der Enzyklopädie Bigbít dokumentierten Bandgeschichte auf dem frühen Demo Remember Dreams Tonbänder mit authentischen Fabrikgeräuschen. Die Stücke trugen sogar die Bezeichnungen der Produktionsgebäude. So wurde die alltägliche Arbeitsumgebung zu Material, das sich aufnehmen, zerlegen, neu zusammensetzen und auf andere Weise anhören ließ.
In Přívoz findet dieser Ursprung einen besonderen Widerhall. Der Chemiekomplex in Pardubice und die industrielle Erfahrung Ostravas haben viel gemeinsam. In beiden Fällen ist die Fabrik mehr als eine Kulisse — sie ist eine Umgebung, die die Stadt und die Menschen in ihrem Umfeld prägt.
Ich weiß nicht, ob an diesem Abend eine der ursprünglichen Fabrikaufnahmen zu hören war. Das Geräusch eines Zahnarztbohrers aber schon. Seine Herkunft erklärte Papež dem neugierigen Publikum bereitwillig. Vor Der Mussolini kam eine Erinnerung an die frühen Neunzigerjahre und an pogende Skinheads, die offenbar nicht ganz verstanden hatten, wozu sie da eigentlich tanzten.
Nach dem Konzert blieb in mir schließlich das Gefühl einer seltsamen Rückkehr. Grundschule, Gymnasium, die Kassette vom Cousin, die ersten Computer, Musik aus einer völlig anderen Welt — und dem gegenüber das blaue Licht einer kleinen Bühne in Ostrava-Přívoz und mein erstes Gun-Dreams-Konzert.
Mir wurde bewusst, wie viel seitdem geschehen war. Manchmal öffnet man den Kleiderschrank und greift in einen anderen Abschnitt seines Lebens.














